Das Gefängnis, der Keller und die Wahl.

Es muss Mai gewesen sein. Einer meiner engsten Freunde hatte Geburtstag und der Abend begann mit einer Party. Doch eigentlich beginnt die Geschichte schon einige Wochen zuvor. Ich beginne mit jemanden auf einer Online-Dating-Plattform zu schreiben. Ich bin von Anfang an sehr begeistert, was sehr selten passiert. Es passiert auch sehr selten, dass ich überhaupt mit jemanden schreiben möchte, weil die meisten Anfragen von langweilig, über respektlos, bis hin zu dumm sind, dass mich das schon mal gar nicht interessiert. Natürlich schreibe ich die Männer auch an, wenn mir mal jemand gefällt, was eher selten der Fall ist. Ich schreibe also mit ihm. Wir unterhalten uns sehr viel über Politik, Geschichte und genießen beide unsere hitzigen Diskussion. Es stehen grad Wahlen bevor und obwohl wir ähnliche Positionen haben gibt es immer genügend Themen zu diskutieren. Ich mag diese Herausforderung, ich brauche das. Dass meine Eloquenz und mein Verstand gefordert werden, und das Gegenüber sich auch in Höhen denkt und redet. Das finde ich anregend, das macht mich an. Ich will keine Modeltypen, die geben mir nichts. Ich will geistige Herausforderung, Spannung, Verstand und Leidenschaft für Themen, Ideale und Wertvorstellungen. Huch … da schreibe ich mich selbst schon ganz heiß.

Das Geständnis: Das Gefängnis

Y: Treffen wir uns Freitag Abend ? Uhrzeit/Lokal/Getränk deiner Wahl ?
X: Hab leider schon was vor.
Y: 😦
X: Du könntest mir anstatt eines traurigen Smileys auch einfach etwas schreiben.
Y: Hätte ich wirklich machen können. Auch wenn du nichts davon hast tut es mir trotzdem Leid. Ich hatte nur am Freitag Zeit. Und dann wie kann ich dir erklären, dass ich erst wieder am 18. Zeit habe ohne Geschichten zu erzählen, ohne Lügen. Weil ich den Großteil meiner Zeit immer noch in einer Justizanstalt verbringe. Das hätte ich dir persönlich erzählt, das war die Idee. Aber das Ergebnis wäre eh wahrscheinlich dasselbe. Sorry!
X: D.h. du sitzt im Gefängnis?
Y: Ja, jetzt gerade. 
X: Du kennst meine nächste Frage, oder? 😉
Y: Warum meinst du, oder?
X: Ja.

Wir schreiben uns weiterhin. Er erzählt mir was passiert ist, dass er seit neun Jahren im Gefängnis ist, wie sich das Leben darin so gestalten lässt, dass er Ausgänge machen kann. Das Thema ist zwar immer irgendwie präsent, aber in unseren schreibenden Alltag eingebettet. Ich erzähle ihm von der Arbeit, er erzählt mir vom Gefängnis, ohne dass ich explizit die Arbeit erwähne, oder er explizit das Gefängnis, wir sprechen über unsere Tage, unsere Gedanken. Es sind unsere Rahmen, in denen wir uns bewegen, unsere Leben, in denen wir Gestaltungsspielräume haben und unsere Erlebnisse einstricken.

Das Treffen: Eine Nacht im Keller

Es ist Wochenende. Ich weiß, dass er Ausgang hat. Ich sage ihm, dass ich schon was vor habe, aber wer weiß, vielleicht treffen wir uns ja. Wenn er Ausgang hat ist er bei seinen Eltern am Land, nach der Stadtgrenze. Ich bin bei der Geburtstagsfeier eines engen Freundes, er trifft einen Freund. Wir schreiben uns, dass wir in Kontakt bleiben. Dann kommt dieser Moment, der Abend ist lustig, eigentlich bin ich selbst noch viel lustiger, die Party löst sich auf. Ich schreibe: „Was machst du grad?“. Er schreibt rasch zurück, er sei schon wieder zuhause. Ich frage ihn wo er denn genau wohnt. Zufälligerweise ist ein Freund von mir auf der Party, der auch am Land wohnt, genau in diese Richtung. Ich frage ihn, ob er mich denn dorthin mitnehmen könnte. Am Tisch glauben alle, dass ich nur einen Spaß mache, niemand glaubt, dass ich das jetzt ernst meine, dass ich zu einem „Knasti“ fahre. Nach längeren Diskussionen und nachdem ich versichert habe, dass ich weiß was ich tue (wobei ich nicht weiß, ob das so war), hat der Freund gesagt, dass er mich mitnimmt. Ich vergewissere mich, dass mein Date beim Vorhaben auch noch immer dabei ist – er freut sich und wartet auf mich. Der Geburtstagsfreund möchte von mir nochmal hören, dass ich auf mich aufpassen werde. Ich versichere ihm, dass ich das machen werde, ich vertraue auf meine Menschenkenntnis und er soll das auch und sie wissen dann ja wo ich bin. Der Freund, der mich mit dem Auto mitnimmt, fragt mich zwischendurch immer wieder, dass er das jetzt nicht glauben kann und ob ich das wirklich möchte und dass er nicht dafür verantwortlich sein möchte, wenn mir irgendetwas passieren sollte. Ich versichere ihm, dass das nicht passieren wird.

Y (1:28) Wo bist du denn jetzt?
X (1:30) Keine Ahnung.
Y (1:33) Schöner Vollmond. Das ist ja schon mal ein Anfang.
X (16:05) Werde mich noch etwas ins Bett legen. Da riecht es noch so gut nach dir.

Die Nacht: Meine Wahl

Ich habe die Nacht mit ihm im Keller der Villa seiner Eltern verbracht. Wir haben bis in die Morgenstunden Prince gehört, Wein getrunken, unsere Meinungsverschiedenheiten diskutiert, unsere Weltanschauung reflektiert, alte Geschichtsbücher durchstöbert, die Sozialdemokratie kommentiert, geküsst, gevögelt und gekuschelt. Ein, zwei Stunden dürften wir geschlafen haben. Am Vormittag haben wir uns in den Garten gelegt, haben uns unterhalten, mit der Katze gespielt, am späten Mittag hat er mich zum Zug gebracht und er musste am Abend wieder zurück in die Justizanstalt. Ich bin mit meinen letzten Durchmach-Kräften nach Hause, habe meinen Pass geholt und bin wählen gegangen. Die Wahlen gingen gut aus. Fürs Erste.

Y (ein paar Tage später) Ich bin zu müde, um über die Welt nachzudenken. An dich zu denken ist schöner. Es wird härter werden im Land. Stell dir die Prozente bei der Nationalratswahl vor. Bei dem Gedanken will ich mich lieber mit dir unter der Bettdecke verkriechen.

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