Wovor hast du Angst?

Es ist Dienstag in der Früh. Seit langem finde ich wieder mal ein Profil, das mich anspricht. Ich lese es mir durch, mache Screenshots (dann kann ich mir auch noch später unbemerkt alles durchlesen und muss nicht immer wie eine Stalkerin aufs Profil gehen) und überlege mir was ich ihm schreiben könnte. Mit Musik könnte es gut passen. Also schreibe ich ihm was ich grad höre, frage ihn was er hört. Wir schreiben uns tagsüber immer wieder was hin und her. Er ist im Büro, ich bin im Büro und irgendwann ist Feierabend. Wir schreiben uns weiter. Er gibt mir einen Musiktipp.

X (17:30) Hör ich mir dann beim kochen an. Bin schon am Heimweg. Ich hatte heute so früh einen Termin, dass es mich jetzt schon Heim zieht.
Y (17:35) Würde auch schon gerne gehen, muss aber noch überlegen was ich bis 9 mach, weil dann hol ich meine Tochter ab vom Rathausplatz.
X (17:55) Beim Rathaus bin ich grad vorbei, weil da wohne ich ums Eck. Ist sie Eislaufen?
Y (18:05) Ja, sie ist eislaufen. Hast du einen Tipp was man heute von 19-21 Uhr machen kann?

Tja, da ist er, dieser Moment, an dem man weiß, dass man sich jetzt treffen könnte. Ich bin aber so müde und wollte ja eigentlich nur was kochen und früh ins Bett. Er wirkt ja sehr interessant, nett , gefällt mir und ja, ich möchte ihn schon treffen, aber heute? Dafür nochmal die Wohnung verlassen, die ganze Aufregung eines ersten Dates. Ich schau fertig vom Arbeitstag aus, duschen geht sich auch nicht mehr aus, ich weiß nicht. Dann denke ich mir aber, naja, eigentlich wäre ein bisschen Schreibstoff  gut. Einfach mal sehen was passiert. Wieso auch nicht. Geh raus, hopp! Also schreibe ich zurück.

X (18:15) Was mir als erstes eingefallen ist: mir beim Kochen Gesellschaft leisten 😉 das wäre aber ein bisschen zu schräg für das erste Treffen. Ich bin nicht so gut mit Abendplänen. 
Y (18:20) Wäre vermutlich wahrlich etwas schräg … das MAK hat offen und freien Eintritt am Dienstag.
Y (18:40) So muss dann aus der Firma raus … werde wohl ins MAK schauen …
X (18:45) Magst dich spontan treffen?
Y (18:46) Gern.
X (18:49) Gehen wir ins Eiles? Ich hol dich von der U-Bahn-Station ab. 
Y (18:50) Passt.
X (19:05) Ich bin ziemlich durchgängig in Schwarz gekleidet, Haare offen, Tasche altrosa. Aber so viele Frauen werden da nicht rumstehen 😉

Vom Schweigen und Füßeln

Ich warte vor der U-Bahn-Station, er kommt die Treppe rauf, wir erkennen uns gleich und spazieren zum Kaffeehaus. Wir finden gleich einen Platz, sitzen uns gegenüber, ich bestelle mir einen Wein, er bestellt sich einen Tee. Das hatte ich glaube ich noch nie bei einem Date. Aber ist natürlich OK und er muss ja dann noch seine 14-jährige Tochter abholen. Er ist sehr nett, gefällt mir vom ersten Eindruck her, aber er ist eher ruhig und wirkt teilweise sehr kritisch. Er fragt dann zwar auch immer wieder was, erzählt aber nie sehr lange und weil mich das so unruhig macht rede ich vor mich hin. Man kann ja so viel Blödsinn erzählen. Ich rede mich schwindlig, weiß schon gar nicht mehr was ich alles so rede. Zeitweise habe ich den Eindruck, dass ich ihn fadisiere und dass er nur die Zeit absitzt, bis er seine Tochter abholen kann. Dann ist er aber auch wieder interessiert und unsere Gespräche kommen wieder in Fahrt, dann flaut es wieder ab. Ich kann ihn nicht einschätzen, ich kann ihn nicht fassen. Dann schaut er auf sein Handy und sagt, dass er auf die Nachricht seiner Tochter wartet. Diese kommt dann auch, er schaut überrascht und sagt, sie fährt doch alleine Nachhause, dass er noch bleiben kann, ob wir uns noch was zu trinken bestellen. Ich bin überrascht, damit habe ich nicht gerechnet, aber ich denk mir gut, dann trinken wir noch eines. Wir bestellen uns beide Wein. Die Gespräche werden besser, von Musik über Scheidung, ein bisschen über unsere Jobs. Ich gehe auf die Toilette, komme zurück und als ich mich am Sitzplatz eingerichtet habe denke ich mir, komisch, unsere Beine berühren sich dauernd. Ich versuche mich so hinzusetzen, dass das nicht passiert, weil ich möchte nicht aufdringlich wirken, aber die Beine berühren sich einfach immer. Bis ich es dann endlich verstehe … er füßelt mit mir. Das ist mir noch nie passiert, dass ich das so lange nicht bemerke. Wieso? Ich habe in der Situation komplett die Möglichkeit ausgeblendet, dass er das absichtlich machen könnte. Ich bin so perplex, das hat mich so überrumpelt, dass ich mich komplett ratlos fühle und ich weiß nicht was ich tun soll, wie reagieren, wohin schauen, was tun. Dieses Gefühl kenne ich von mir nicht bei Dates. Ich entscheide mich dann einfach dafür mitzumachen. Es ist so schön und so intensiv. Ich weiß gar nicht mehr was wir alles reden. Wir füßeln einfach nur miteinander und schauen uns an und ich bin noch immer ein bisschen hilflos. Er fragt mich, ob wir noch einen Wein bestellen wollen, ich sage ja. Wir unterhalten und weiter und füßeln. Ich sage zu ihm, dass es für mich komisch ist, so ohne Musik, dass ich es großteils immer gewöhnt bin Musik zu hören. Dann kommt dieser Punkt wo es zu entscheiden gilt wie der Abend nun weitergeht. Er fragt mich, was wir denn noch machen wollen und ich frage, ob wir denn zu mir gehen wollen. Wir spazieren los.

Davor und danach

Ich schenke uns Wein ein und suche Musik aus. Spannend ist das immer. Dieses erste sich näher kommen. Der Zeitpunkt wo man sich zum ersten Mal berührt, wer beginnt und was passiert als nächstes. Dieses erste berühren, sich entdecken, kennenlernen, spüren, reagieren … zwei Fremde erleben miteinander etwas vermeintlich Nahes. Es ist so wahnsinnig schön, dass es mich überrascht und ich mich ein wenig ratlos und betäubt fühle, weil es sich so nah anfühlt. Ich lasse ihn nicht bei mir schlafen. Das ist mir zu viel Nähe.

Y (0:52) Schlaf gut! Es war wunderbar.

Er schreibt am nächsten Tag wie es mir geht, ob wir nicht auf WhatsApp umsteigen wollen und schickt mir seine Nummer. Im ersten Moment war es für mich schräg, weil es für ihn so selbstverständlich ist, dass wir nun weiterhin Kontakt haben und ich mir erst überlegen muss, ob ich meine Nummer überhaupt hergeben möchte. Aber ich schreibe ihm dann auf WhatsApp. Wir schreiben uns den ganzen Tag über, am Abend geht er mit seiner Tochter ins Theater und in der Früh schreibt er mir, dass er mich gerne nach dem Theater gesehen hätte, aber er seine Tochter nicht allein lassen wollte. Dieses „Danach“ beginnt sich anders anzufühlen, als bei den anderen Dates.

Sich schreiben über Sex und Angst

Ich fahre für zwei Tage weg. Wir schreiben uns ganze Geschichten. Ich liebe es miteinander zu schreiben, so sehr! An einem Abend haben wir uns bis drei Uhr in der Nacht geschrieben.

Y: Hörst du nur Musik, bei der man nicht ganz wuschig wird … ich würde dich jetzt total gerne spüren … allein der Gedanke an die Nacht … und irgendwie kommt es mir sogar so vor, als würde ich dich spüren.
Y: Mit dir hat es sich auf jeden Fall verdammt gut angefühlt. Ich habe mich in der Beziehung mit meiner Ex für Treue entschieden und habe das auch durchgezogen, obwohl nichts gelaufen ist zwischen uns. Also ich weiß jetzt auf jeden Fall was mir die letzten Jahre abgegangen ist.

Was hast du vor der Arbeit gemacht?
Das ist jetzt auch Small Talk oder?
Hast du tiefere Ideen?
Bist du eine Leute-mit-nach-Hause-Nehmerin?
Gibt es musiktechnisch zwischen Schmusen und Sex einen Unterschied?
Ab wann ist bei dir die Grenze zwischen Schmusen und Sex?
Ab wann ist eine Beziehung eine?
Wonach fühlst du dich?
Warum bist du mitgekommen?
Warum hast du mich mitgenommen?
Wieso kannst du keine Kinder mehr bekommen?
Du hast so lange an so wenig Text getippt oder mehrmals gelöscht?
Wovor hast du Angst?
Fühlst du meine Hand nicht?

Sex oder Kennenlernen

Ab wann lässt man sich auf jemanden ein. Ab wann kann man sich etwas Verbindliches vorstellen? Ab wann stürzt man sich in die Tiefen des Gegenübers und von sich selbst? Diese Nähe mittels Text aufzubauen, nach nur einem Treffen, das ist gefährlich. Wir erfahren so viel, erzählen so viel. Es fühlt sich so an, als würde ich den Menschen schon sehr gut kennen. Man steckt sich schon einiges an Gebieten ab, was man will, was nicht, was geht, was nicht und dadurch nehme ich mir auch das Kennenlernen auf einer anderen Ebene weg. Würde ich ihn auf einer anderen Ebene vorher kennenlernen, dann würde es sich vielleicht ganz anders entwickeln. Wer weiß, wer weiß. So viele Wege und Abzweigungen. Aber was hat man sich sonst zu sagen? Wieso sich nicht gleich in der Tiefe kennenlernen und sich dort begegnen? Vielleicht nimmt man sich einiges weg, etwas das man danach nie mehr erfahren wird können. Aber gleich alles zu Beginn zu erfahren und zu fühlen macht es intensiver und tiefer und ergibt für mich mehr Sinn. Ungezügelt. Ich muss mich nicht zwingen, ich muss mich nicht zurückhalten, einfach danach handeln wonach ich mich fühle, was mich interessiert, wo es mich hinzieht. Ohne Taktik, ohne Regeln, ohne Normen. Nur mein Gefühl. Ungefiltert.

Ich bin es schon so sehr gewöhnt, dass Dates nur zu Sex führen und es dabei bleibt. Wann weiß ich, dass ich mich auf jemanden einlassen möchte, dass ich jemanden kennenlernen möchte und nicht gleich davonlaufe und es zerstöre? Ob ich diesmal aus meinen Mustern und Zwängen ausbrechen kann? Ich tu es! (Ich versuche es.)

X: Dann halte ich mir den Sonntagabend frei.

Maybe to be continued …

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