Betrug, eine Zugfahrt und wer anderer sein

„Ich habe dich letztes Mal blockiert, weil ich fast erwischt worden wäre. Ich weiß, ist dir gegenüber nicht nett gewesen, tut mir leid. Aber du schwirrst mir mindestens ein Mal am Tag im Kopf herum. Würde mich freuen wieder mal von dir zu lesen.“

Wie war der Anfang? Ein Bild auf Tinder. Ich sehe nur einen halben Oberkörper, mit einem T-Shirt bekleidet, liegend und sehe das Gesicht nur bis zur Nase. Ein Selfie aus der Vogelperspektive. Danach ist am Profil zu lesen „Rechte sollen links wischen“. Naja, genügt das schon? Wieso vergebe ich diesem Foto ein „Herzchen“? Ich sage absichtlich „Foto“ und nicht „Person“, weil es ist nur dieses eine Foto und ein Statement; ein kurzes, aber ich fand es gut. Es ist kurz vor der katastrophalen, unrealisierbaren Regierungsbildung … solche Statements wirken dann umso mehr. Ja klar, ehrlich zu sich selbst sein … jemand, der anscheinend etwas zu verstecken hat, das schafft auch ein bisschen Interesse … blablabla.

Was hat er zu verstecken?

Er hat also etwas zu verstecken. Das ignoriere ich vorerst. Wir reden, wir reden mehr, ich merke wie er immer interessierter an mir wird. Dann kommt dieser Moment. Ich frage ihn und er erzählt mir. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder. Er sagt zuerst, dass er nicht weiß wieso er das macht. Dann sagt er, dass er schon so ewig mit seiner Frau verheiratet ist und mal etwas anderes erleben möchte. Kurz aus dem Alltag ausbrechen. Ich frage ihn, ob er denn weiß, dass er damit alles zerstören kann was er hat, was ihm wichtig ist. Er meint, dass er das auf keinen Fall will. „Das darf nicht passieren, das darf niemand erfahren.“ Er möchte seine Familie nicht zerstören. Ich frage ihn wieder wieso er das dann macht. Er meint nur, dass es eh so schwer für ihn ist, aber er nicht anders kann. Aber wahrscheinlich meint er wohl, dass er nicht anders will?

Opfermänner

Wieso machen sich Männer permanent zu Opfern? Sie produzieren den ärgsten Mist und fühlen sich dann nicht dafür verantwortlich. Irgendjemand wird ihnen diese Schuld schon abnehmen. Sie haben es ja nicht so gemeint, weil eigentlich fühlen sie eh anders, also haben es nicht böse gemeint, deshalb kann ihnen ja auch niemand böse sein.

Wieso schreibe ich ihm weiter?

Ich schreibe ihm weiter. Es ist eine Mischung aus Neugierde, Spielerei, Überlegenheit und Geilheit. Natürlich ist es geil, wenn jemand so auf einen abfährt. Natürlich macht mich das an, wenn er mich so unbedingt will. Aus welchen Gründen auch immer. Die Gier von ihm ist schon etwas ganz Besonderes. Jemand, der anscheinend jahrelang keine sexuelle Leidenschaft mehr erlebt hat, der hat sehr intensiv zu geben (siehe Knasti-Artikel).

Weiterbildung, Würschtlstand und Schnaps

Er lebt nicht in Wien, aber er ist ein Mal im Monat auf Weiterbildung da. Er weiß zwar nocht nicht genau wie, aber er möchte mich treffen. Er ist so aufgeregt, er will es, ist sich dann doch nicht so sicher und will es dann unbedingt. Vor Weihnachten ist es dann soweit. Er hat seine Weiterbildung in Wien, er überlegt wie und wann wir uns sehen können. Ich fahre am Freitagnachmittag nach Wien. Am vereinbarten Treffpunkt bin ich zu früh. Wir schreiben miteinander seine Straßenbahn hat Verspätung. Er schreibt, dass er so aufgeregt ist. Ich frage ihn, ob ich noch einen Schnaps vom Würschtlstand holen soll. Er sagt ja. Also mache ich das. Der Treffpunkt ist eine Straßenbahnstation. Ich warte davor, er steigt aus. Wir begrüßen uns mit Bussi links und Bussi rechts. Wir fragen uns wo wir etwas trinken gehen könnten. Wir kennen uns in der Gegend beide nicht aus. „Wir spazieren einfach mal los, wir finden schon was.“, sage ich mich locker gebend. Am Weg trinken wir den Schnaps und spazieren und irren in den Straßen umher. Ich sage, wir könnten doch in Richtung meiner Bahnstation gehen, dort finden wir bestimmt etwas. Das machen wir und suchen dort weiter nach einem Lokal. Nach langem hin und her gehen finden wir eines. Wir gehen hinein und sitzen uns nun gegenüber. Er ist sehr nervös, aber ich mag das. Wir reden viel, wir reden gut. Es ist sehr angenehm, es ist schön.

Der letzte Zug und das Oneway-Ticket

Ich sage ihm, dass ich zum letzten Zug muss. Er begleitet mich. Am Weg zum Bahnhof frage ich ihn eher im Spaß, ob er denn noch mitkommen möchte. Er meint, dass er sich das ernsthaft überlegt. Ich spinne den Gedanken weiter und sage zu ihm „das musst du wissen, es ist deine Entscheidung“. Dann gehen wir wortlos zum Bahnhof. Er geht zum Ticketautmaten, sagt, dass ich den Ort eingeben soll und kauft sich wortlos das Ticket. Ich kann es nicht ganz glauben, bin ein bisschen überrascht und freue mich auf unsere Nacht. Wir kaufen uns noch eine Flasche Weißwein, warten auf den Zug, setzen uns rein und öffnen den Wein.

Die Zugfahrt

Sobald im Zug angekommen beginnt er mich zu küssen und zu berühren. Plötzlich ist alles anders, mir wird schwindlig. Ich denke mir, dass sich so ein Mann anfühlt, der schon lange keinen Sex mehr hatte. Nicht nur Begierde, Geilheit, Leidenschaft – voller Gier nach allem, pure Lust. Immer mehr und mehr. Ich muss ihn stoppen, weil ausnahmsweise andere Personen im Waggon sind. Ein geschätzt 11-jähriger Bub. Das muss er doch nicht alles sehen, auch wenn er die ganze Zeit auf sein Handy schaut (zumindest wenn ich hinsehe).

Die Nacht und ein „baba“

Wir kommen Nachhause. Ich öffne noch eine Flasche Wein. Dann haben wir guten, schwitzend, leidenschaftlichen Sex. Wir reden und lachen und genießen. Ich stehe auf, mache das Fenster auf und er ist begeistert, weil ich so offen mit meiner Nacktheit umgehe. „Was?“ denke ich mir. Wir hatten gerade Sex und das findet er grad faszinierend. Es verwundert mich, aber ich finde es schön. Ich genieße seine Worte und ihn bei mir zu haben. Irgendwann schlafen wir ein. Er muss sehr früh aufstehen. Wir kuscheln in der Früh, ich begleite ihn raus, öffne ihm das Tor und sage „baba“.

Fallen und gehen lassen

Natürlich frage ich mich wieso ich das gemacht habe. Ja eh, Abenteuer und Geilheit. Kann doch nicht falsch sein. Begehrt werden? Ja eh! Ich lerne gerne Männer kennen, egal was dann passiert. Ich mag es zu erfahren wie sie ticken, wie ihr Weltbild aussieht, wie sie reagieren, handeln und denken. Ich mag es, sie herauszufordern, um den Kern zu sehen. In diesem Fall (und wahrscheinlich auch in den meisten) sehe ich auch meinen Kern: ich kann mich gehen lassen, ich kann mich fallen lassen, ich muss mir keine Gedanken machen. Es ist diese eine Nacht. Ich kann ich selbst oder eine andere sein, ich kann es mir aussuchen, es spielt keine Rolle. Diese Nacht wird keine Konsequenzen haben. Zumindest nicht für mich.

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